Jungwinzer Ahr

Gegen den Strom

Was kann man als Jungwinzer in der ältesten deutschen

Kooperative schon verändern? Viel! Ein Besuch bei der

«Rocker-Gang» der Winzergenossenschaft Mayschoss-

Altenahr

 

 

«Am Anfang hatten wir schon ein bisschen Bauchschmerzen», sagt Rolf Münster ruhig

und schaut besonnen auf sein Glas Wein. Die acht jungen Männer zwischen 19 und

28, die mit ihm im Probierraum sitzen, sind ganz ruhig. Denn sie wissen, wer da redet.

Rolf Münster ist Kellermeister der Winzergenossenschaft Mayschoss-Altenahr, und

gehört zu den besten Deutschlands. 

Am Anfang, das war 2003, als sich die Jungwinzer

innerhalb der ältesten deutschen Genossenschaft zusammentaten, um ihr eigenes

Ding zu machen. Und es hätte auch alles schief gehen können. Aber am Anfang war

auch Vertrauen. Mittlerweile ist Gewissheit daraus geworden.

«Die können’s. Und wenn sie nicht weiterwissen, fragen sie nach», bemerkt Rolf Münster mit väterlichem Lächeln.

Irgendwie sind es auch seine Jungs. Selbst wenn sie ihn nur selten fragen.

Wie sie in der Zigarettenpause zusammenstehen, erinnert an eine Rocker-Gang.

Nicht unbedingt die Hell’s Angels, mehr die Halbstarken aus «Denn sie wissen nicht, was

sie tun». Verwegen blickend, lässig an der Fluppe ziehend, verschwörerisch tuschelnd.

«Das sind alles gute Jungs», flüstert Rolf Münster mir zu. Und er hat Recht in zweierlei

Hinsicht. Sie stehen füreinander ein, und sie wollen gemeinsam etwas verändern.

Drei Winzer, drei Weinbautechniker, ein Diplomönologe, einer hat gar einen Abschluss

in Internationaler Weinwirtschaft. Sie haben auf Spitzengütern in Österreich, den USA

und Deutschland gelernt, doch jetzt sind sie alle wieder hier im Tal, um in ihrer Genossenschaft

etwas aufzubauen.

«Eigentlich wollten wir zuerst nur Rolf Münster ärgern», scherzt Torsten Klein (28), einer

der Leader dieser Gang. Und alle Wein-Rocker im kühlen Probierzimmer der Genossenschaft

lachen, weil das natürlich nicht wahr ist. Thomas Baltes, der ein bisschen an Michael Ballack erinnert,

stellt die Sache richtig. «Die Frage für uns war, wie man junge Leute ansprechen kann.

Angepeilt waren ein relativ leichter Wein mit 80 bis 90 Grad Öchsle und ein niedriger Abgabepreis.

Es sind dann 105 Öchsle geworden und 15 Euro.»

Das Etikett des Edition J ist supermodern-elegant, puristisch – aber der Wein ist das überhaupt nicht,

er ist supertraditionell.

Zurück in die Zukunft sozusagen.

Pinot Noir – sonst nichts

«Unser Wein», setzt sich Thomas Baltes im Stimmengewirr durch, «ist eine Rückbesinnung

auf klassische Ahr-Weine, auf die Stärke des Anbaugebiets in moderner Verpackung.

Bei der Vinifikation ist die Kaltmazeration der entscheidende Unterschied zu den anderen

Weinen unserer Genossenschaft. Am Anfang haben wir auch mit Spontangärung gearbeitet,

das kommt aber immer auf das Lesegut an. Beim 2006er war es uns einfach zu gefährlich.»

Marc Josten, der neben ihm sitzt, ein kompakter, sonnengebräunter Typ, springt ihm zur Seite.

«Wir möchten das produzieren, was uns schmeckt.

Ich war in den USA, da konnte man zig Rebsorten probieren.

Was hat am besten geschmeckt? Pinot Noir!

Als wir angefangen haben, wurde über die Rebsorte überhaupt nicht diskutiert.

Es war direkt klar, dass wir einen Spätburgunder machen.

Exoten schaffen nur einen kurzen Aha-Effekt.»

Zustimmendes Gemurmel.

Die Frage, wer der Chef dieser weinseligen Rocker-Gang ist, trifft auf Unverständnis.

 «Wir machen alles zusammen», ist man sich einig.

Vom Spätburgunder Edition J durften sie von Jahr zu Jahr mehr produzieren und

haben sich von 2500 auf 6600 Flaschen gesteigert. Mit dem zukünftig aus Riesling

und Kerner gekelterten spritzig-fruchtigen Perlwein Edition J secco für 6,90 Euro sind

sie bei 2500 Flaschen angelangt, und mehr sollen es auch nicht werden, damit er nur

dann verkauft und getrunken wird, wenn es passt: im Sommer.

Schnell ist zu spüren, dass der Probierraum nicht ihr eigentliches Terrain ist, sie fühlen

sich im Weinberg wohler oder im Keller. Der ist in der Genossenschaft ebenso riesengross

wie wunderbar gemauert, gefüllt mit blitzendem Edelstahl und verheissungsvollen Holzfässern.

Mit leuchtenden Augen stehen sie um ihre Barriques, als wären es aufgemotzte

Harley-Davidsons. Statt Abgasen schnuppern sie verzückt den Duft aus dem Spundloch.

Diesen Wein, den 2006er, das spürt man, halten alle anwesenden Jungwinzer für

«geiles Zeug». Der 2003er war noch zu sehr vom Alkohol geprägt, der 2004er zu stark

vom Holz, aber seit dem 2005er scheinen die Jungwinzer ihren Stil gefunden  zu haben.

Jetzt geht es ums Feintuning.

 

 

In einigen Fässern ist nur der Presswein, in anderen der Vorlaufmost. Dort stehen sie,

und jeder will verkosten. «Ja, der ist fruchtiger, aber die Tannine sind für den Vorlauf

schon kräftig», sagt Marc Josten. Auf Neudeutsch würde man die Gruppe als Think-

Tank der Genossenschaft bezeichnen, die Gruppe, in der Neues ausprobiert wird.

Auch Teures. Die Kaltmazeration ist für eine Genossenschaft dieser Grösse nicht zu finanzieren.

Neben Unmengen Trockeneis brauchte man mehr Tanks, um den Most längere Zeit mazerieren lassen zu können. Rolf Münster

wirkt gelassen, als die Jungwinzer mit dem Fachsimpeln anfangen.

Vielleicht denkt er sich, die stoßen sich schon noch die Hörner ab.  Aber es ist auch etwas Stolz in seinem Blick auf die Jungen.

«Man könnte schon sagen, dass wir eine Genossenschaft in der Genossenschaft sind», erklärt der hochgewachsene Benedikt Baltes (22). In Wahrheit sind sie aber perfekte Genossen, die sich in einem Hochpreisgebiet nicht selbstständig machen, sondern miteinander mehr erreichen wollen. Es geht nicht um Konkurrenz im eigenen Haus. Ehrfurchtsvoll benehmen sie sich gegenüber Rolf Münster, denn sie wissen, was er geleistet hat, welche Freiheiten er und die Geschäftsführung ihnen einräumen.

Bei anderen gibt es das nicht, da wird neidisch rübergeschaut nach Mayschoss.

 

Spass statt Buckelei

 

Auch was die Neuanlage eines kleinen Weinbergs in Steilterrassen unterhalb der Burgruine Saffenburg angeht.

Torsten Klein erzählt begeistert: «Insgesamt haben wir rund 15 Ar neu bestockt. Privat wäre das die absolute Buckelei gewesen, gemeinsam hat es richtig Spass gemacht. Wir haben Riesling für die Lage ausgesucht, denn dafür ist sie mit dem durchlässigen Schieferverwitterungsboden prädestiniert.

2008 wird es erstmals Wein geben. Dann haben wir in unserer Linie drei Tropfen – ideal für einen Präsentkarton!» Mit 1,60 Meter mal 60 Zentimeter Stockabstand haben sie den Weinberg recht eng angelegt, zumal geplant ist, ohne Bewässerung auszukommen. All diese Aktionen der jungen Wilden aus

dem Ahrtal sind nicht unbemerkt geblieben. 2006 erhielten sie den Weinbau-Förderpreis, und mit den Töchtern von Ahr- Weinguru Werner Näkel hoben sie das Event «Absolut Wein» (www.absolut-wein.eu) aus der Taufe, das als Weinparty für junge Leute konzipiert ist.

Ein Euro pro Flasche geht an die Jungwinzer, bisher haben sie alles reinvestiert. «Aber irgendwann gehen wir auch mal zusammen Pizza essen», ist sich die Gang einig. Und darüber, dass es eines Tages vorbei ist mit der Jungwinzerei, auch. «Dann sollen andere kommen, wir sind ja hier nicht in Leiwen!», meint Thomas Baltes in Anspielung auf die Gruppe der Leiwener Jungwinzer an der Mosel, die kürzlich ihr 20-jähriges Bestehen feierte. Rolf Münster schliesst am Ende des langen Abends zufrieden das Tor des altehrwürdigen Gemäuers. «Eine Genossenschaft ist ein schwerfälliger Apparat und man kann nichts machen, heisst es immer. In Wirklichkeit haben wir eine hervorragende Ausrüstung, tolles Lesegut; hier kann man alles machen.» Dann senkt er die Stimme: «Wir in der Genossenschaftsleitung sind alle über 50, die Jungs sind das Beste, was uns passieren konnte.» Eine solche Rocker-Gang, will er sagen, kann jeder Genossenschaft nur guttun.

 

 (Bericht von Carsten Sebastian Henn aus der Zeitschrift Vinum 3/2007)